Eine Einrichtung
in Trägerschaft der
Salesianer Don Boscos

Dem Tag gute Nacht sagen

Veröffentlicht am: 10. Juni 2021

München – Die sogenannte „Gute Nacht“ ist ein Abendritual, das auf Don Bosco zurückgeht. Der Priester und Ordensgründer hat den Jugendlichen, die im 19. Jahrhundert in seinem „Oratorium“ in Turin lebten, jeden Abend vor dem Zubettgehen eine kleine Geschichte erzählt: Ein Erlebnis, einen Traum oder eine Lebensweisheit. Er verband das Erzählte häufig mit einem religiösen Gedanken. Dieses Ritual wird noch heute in vielen salesianischen Einrichtungen gepflegt. Auch im Münchner Salesianum.

„Wiederbelebt“ haben das Gute-Nacht-Wort dort die Jugendpastoralbeauftragte Martina Edenhofer und Anna-Lena Koalick, im Haus zuständig für die sozialpädagogische Einzelfallhilfe. „Wir haben uns schon länger gefragt, wie wir die Jugendlichen auch spirituell ansprechen können“, sagt Martina Edenhofer. Und es lag auf der Hand, dass vor allem dieses Format sehr gut zur Einrichtung und tatsächlich, so fanden die Mitarbeitenden, auch in die Corona-Zeit passt.

Seit Anfang 2021 laden sie nun regelmäßig alle, die im Salesianum leben oder arbeiten, dazu ein, diesen Abendgedanken zu gestalten. Wenn das Wetter schön ist, trifft man sich am Lagerfeuer und grillt im Anschluss Marshmallows. Anna-Lena Koalick und Martina Edenhofer lassen die vergangenen Themen Revue passieren: Es ging um die positiven und negativen Neigungen des Menschen, ums Teilen oder um religiöse Feste. Die letzte Gute-Nacht am Lagerfeuer habe die beiden Organisatorinnen sehr berührt. Ein Jugendlicher hat anhand einer Erzählung das Thema Freundschaft behandelt: Zwei Freunde gehen zusammen durch die Wüste und streiten sich. Einer von ihnen schreibt die Worte seines Ärgers in den Sand, doch diese werden vom sogenannten Wind der Vergebung immer wieder weggeweht. Als ihm der Freund etwas Gutes tut, schreibt er seine Worte hingegen in Stein. Diesmal verschwinden sie nicht. Es ist das, was ihm an seinem Freund vor allem in Erinnerung bleiben soll.

Der Jugendliche hat seine Geschichte mit Musik aus dem Film „Ziemlich Beste Freunde“ untermalt, erläutert Anna-Lena Koalick. Das hat eine besondere Atmosphäre geschaffen und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer saßen an diesem Abend noch länger am Lagerfeuer zusammen und sprachen über ihre eigenen Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Freundschaft.

Menschen öffnen sich

Mitarbeiterinnen im Salesianum München: Anna-Lena Koalick (v.l.) und Martina Edenhofer

Martina Edenhofer gefällt besonders die Offenheit des Gute-Nacht-Formats. Zwischen den Anwesenden entsteht in ihren Augen so etwas wie eine kurzzeitige Gemeinschaft. „Jeder kann etwas beitragen oder sich auch in den Impuls fallenlassen.“ Die Themen sind dabei so unterschiedlich wie die Personen im Haus. Martina Edenhofer hat ihren Abendgedanken zu „Glücksmomenten“ gestaltet: Jeder sollte Momente, die ihm einfallen, auf einem Zettel notieren. Diese wurden anschließend in einem Glas gesammelt. Wer wollte, durfte seinen Glücksmoment mit den anderen teilen – aber das war kein Muss.

Ein Pädagoge aus der Einrichtung hat seinen Impuls zuletzt ebenfalls sehr interaktiv durchgeführt: Er verteilte Nummern und derjenige mit der Nummer 1 fing an, eine Geschichte zu erzählen, die dann der Reihenfolge nach weitergesponnen werden sollte. Diese begann damit, dass jemand morgens das Haus verlässt und einem Elefanten begegnet und wurde dann zu einer Odyssee darüber, wie man gutes Essen findet, fasst Pastoralbeauftragte Martina Edenhofer schmunzelnd zusammen. „Das war wirklich sehr spannend, weil ich den Eindruck hatte, dass jeder etwas von seinen Erfahrungen, seinem Alltag sowie den Dingen, die ihm am Herzen liegen, mit hineingebracht hat.“ Es sei zudem eine sehr wertschätzende Runde, die hier seit Einführung des Rituals regelmäßig zusammenkomme, und das schafft, was sie sehr freut, eine sehr vertraute Atmosphäre.

Ein schöner Nebeneffekt, der den Organisatorinnen außerdem aufgefallen ist: „Menschen trauen sich, sich zu öffnen.“ Das Format bietet die Gelegenheit, Menschen kennenzulernen, mit denen im normalen Alltag womöglich kein Austausch stattgefunden hätte, oder Personen auch noch einmal von einer anderen Seite wahrzunehmen. Plötzlich erscheint der Junge, der sich immer cool gibt, verletzlich. Oder man entdeckt Parallelen zu Menschen, zu denen man auf den ersten Blick keine Verbindung gesehen hat.

Gute Nacht im Schwimmbad

Fokussiere dich auf das Positive!

An diesem Abend spielt das Wetter leider nicht so mit. Der Abendimpuls wird spontan ins Schwimmbad verlegt. Im leeren Becken oder am Rand machen es sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Wolldecken gemütlich und hören Shandor Lassen zu. Der 21-Jährige, der eine Ausbildung zum Mechatroniker macht und als Bewohner in einer Wohngruppe im Salesianum lebt, möchte den anderen von einem YouTube-Video eines Ex-Navy-SEALs berichten, in dem es um den Umgang mit Verlusten oder mit schwierigen Situationen geht. Der amerikanische Ex-Soldat erläutert darin, wie sich ein anderer Soldat bei ihm beschwert, weil er auf alles Negative immer mit einem „Gut“ reagiert.

Und zwar aus einem guten Grund, wie Shandor Lassen erläutert. Denn – so die Botschaft des Videos – alles Schlechte, was passiert oder uns widerfährt, beinhaltet immer auch etwas Gutes. Der 21-Jährige nennt ein Beispiel aus seinem eigenen Corona-Alltag: Er liebt es Hockey zu spielen, doch das ist aktuell nicht möglich. Dafür habe er viel Zeit, um auch mal andere Sachen kennenzulernen oder auszuprobieren. „Es gibt so viele positive Dinge, auf die man sich konzentrieren kann.“

Martina Edenhofer und Anna-Lena Koalick bemerken, dass schon in dieser kurzen Zeit für sie und einige andere aus dem Salesianum der Abendgedanke wie ein kleines Ritual geworden ist. „Alleine kann ein bewusster Tagesabschluss auch schnell hinten runterfallen“, sagt Martina Edenhofer. Es sei schön, abends noch einmal zusammenzukommen und dem Tag „Gute Nacht“ zu sagen.

Text: RefÖA/Patrizia Czajor; Fotos: Martina Edenhofer, Patrizia Czajor