Eine Einrichtung
in Trägerschaft der
Salesianer Don Boscos

Porträt Bruder Sepp Schwaller

Veröffentlicht am: 12. Februar 2026

Bruder Sepp Schwaller ist Oberbayer, Schuhmacher, Sportler und seit mehr als sechs Jahrzehnten Salesianer. Der 79-jährige Ordensmann hat in seinem Leben viele Jugendliche begleitet und miterlebt, wie sich Nachkriegspädagogik in zugewandte Fürsorge wandelte. Berufung ist für ihn ein Geschenk, aber definitiv kein Selbstläufer.

1943 wurde ich in Uffing am Staffelsee geboren und wuchs inmitten der oberbayerischen Seenlandschaft vor einem fantastischen Alpenpanorama auf. Die Berge habe ich immer geliebt. Als eines von zehn Kindern lernte ich schon früh, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Meine Eltern waren sehr gläubig. Sie haben mir eine Spiritualität mit auf den Weg gegeben, die mich durch so manche Herausforderung getragen hat. 

Meine erste Begegnung mit einem Salesianer fand in der Sakristei unserer Kirche statt. Ich war damals Ministrant und wusste, dass man dort ruhig und ehrfürchtig sein musste. Umso mehr erstaunte mich die laute und herzliche Begrüßung dieses Paters, der uns im breitesten Schwäbisch ganz unbefangen „Na Buabe!“ zurief. Ein toller erster Eindruck. Ich habe mich später oft daran erinnert, wenn ich Jugendliche begrüßte und versucht, auf genauso eine lockere Art das Eis zu brechen.

Schuhmacherlehre in Benediktbeuern

Mit 13 schloss ich die Volksschule ab, besuchte ein halbes Jahr eine Landwirtschaftsschule und erhielt dann die Chance ins 30 Kilometer entfernte Benediktbeuern zu gehen, um dort eine Schuhmacherausbildung zu machen. Mein Bruder hatte sie dort begonnen, musste aber aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Ich durfte seinen Platz einnehmen, was mir heute wie eine Vorsehung erscheint.

In Benediktbeuern traf ich zum zweiten Mal in meinem Leben auf Salesianer, die dort das Lehrlingsheim leiteten. Bis 1961 lebte ich mit vielen spätberufenen Ordensleuten zusammen. Ich empfand sie als bodenständig und zugleich sehr spirituell. Viele von ihnen waren im Krieg gewesen, hatten danach studiert und sich ganz bewusst für den Priesterberuf entschieden. Ich erinnere mich noch gut an das bewegende Gefühl, wenn sie gemeinsam die Weihnachtsnovene sangen.

Mit 17 bestand ich meine Gesellenprüfung mit guten Noten und erhielt viele Anrufe von Betrieben aus der Region, die mich gerne einstellen wollten. Ich vertröstete sie und sagte, ich wolle meinen Meister noch nicht alleine lassen. In Wirklichkeit aber spielte ich schon eine Weile mit dem Gedanken, in den Orden einzutreten. Unser Provinzial rief mich Mitte Mai zu sich, um nach meinen Plänen zu fragen. Ich war aber noch unsicher und erbat mit Bedenkzeit. 

Es gab ein paar Dinge, die dagegensprachen in den Orden zu gehen. Da war ein Mädchen aus der Schule, das ich sehr sympathisch fand. Und da war die Chance, berufliche Erfahrungen in anderen Schuhmacher-Betrieben zu sammeln. Zwei Wochen habe ich mit mir gerungen und zum Heiligen Geist gebetet, wie es mir meine Mutter geraten hatte. Und plötzlich, am 31. Mai, dem Fest Maria Königin, wusste ich es ganz sicher: Ich würde ins Noviziat gehen. Bis heute denke ich jedes Jahr daran zurück.

Zum Noviziat nach Ensdorf

Mit 17 anderen jungen Männern wurde ich Novize im oberpfälzischen Ensdorf. Ich erinnere mich, wie ich am ersten Tag meinen Platz im Schlafsaal suchte. An jedem Bett stand ein Name, nur „Schwaller“ fand ich nicht. Dafür aber „Schuster“ und so dachte ich, es sei meins, weil ich ja Schuster war. Tatsächlich hieß jedoch ein Mitnovize „Schuster“. Nun stand ich da, ohne Bett und ohne Schrank. Keine schöne Erfahrung, aber eine wichtige! Später habe ich immer darauf geachtet, dass sich neue Jugendliche erwartet und willkommen fühlen.

Bruder Sepp Schwaller sitzt als junger Mann auf einer Kirchenmauer.

Bruder Sepp Schwaller sitzt als junger Mann auf einer Kirchenmauer.

Nach dem holperigen Start verbrachte ich in Ensdorf eine schöne Zeit. Wir wurden ins Ordensleben eingeführt, unternahmen viel zusammen, machten Sport und legten die Profess auf drei Jahre ab. Nach dem Noviziat bleib ich dort und betreute zunächst zwölf Lehrlinge in einer Wohngruppe. Das war meine erste pädagogische Aufgabe. In Ensdorf lebten wir sehr klösterlich und behütet. Ich war begeistert vom Orden und meiner Arbeit und ging mit viel Idealismus an die Sache heran.

Doch dann wurde ich nach München abberufen und dort mit der harten Realität konfrontiert. In den riesigen Lehrwerkstätten der Salesianer ging es ganz anders zu. Hier gab es 400 Jugendliche, die in großen Schlafsälen untergebracht waren. Man musste sich behaupten, um nicht unterzugehen. Statt der zugewandten salesianischen Pädagogik, herrschten hier Strenge und Disziplin. Ich machte in kurzer Zeit meinen Meister und trat in die Fußstapfen meines verstorbenen Vorgängers.  

Gerade hatte ich meinen ersten Auszubildenden bis zur Zwischenprüfung gebracht, da änderte sich alles. Es waren die späten Sechzigerjahre und die Zeit der autoritären Heimerziehung und der großen Werkstätten ging zu Ende. Sie wurden geschlossen und umgebaut. Statt der großen Schlafsäle entstanden familiäre Wohngruppen mit Zwei- oder Dreimann-Zimmern und einer Gemeinschaftsküche. Mit 23 Jahren übernahm ich eine Gruppe von 30 Jugendlichen, mit denen ich zusammenlebte. 

Für Jugendliche da sein

Es war eine echte Herausforderung. Doch bald merkte ich, wie sich ein Gefühl der Zusammengehörigkeit in der „Schwallersepp-Gruppe“ entwickelte. 14 Jahre lang blieb ich Gruppenleiter in München. Danach kümmerte ich mich 9 Jahre lang um Blockschüler, die für drei Wochen zur schulischen Ausbildung als Schuhmacher, Pferdewirt nach München kamen. Zuletzt habe ich Orthopädie-Schumacher betreut und bin mit fünfzig in den Freizeitbereich gewechselt. 

Dort fühlte ich mich gut aufgehoben. Es liegt mir mehr mit den Jugendlichen auf dem Berg zu steigen, im Iglu zu übernachten oder im Wald zu biwakieren, als Verwaltungsaufgaben zu erledigen und mit dem Jugendamt zu korrespondieren. Vor allem mit Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen habe ich viel unternommen, denn sie sind am Wochenende nicht nach Hause gefahren. Ich habe die Jungs einfach ins Auto gepackt und bin mit ihnen losgefahren. Das wäre heute nicht mehr so einfach, aber die Ordensobern haben mir vertraut.  

Für mich ist das Wichtigste, für Jugendliche da zu sein. Ich fühle mich wie ein Hirte, der ein Gespür für jeden einzelnen in seiner Herde hat. In meinem Leben habe ich viele junge Menschen erreicht, indem ich ihnen offen begegnet bin. Deshalb habe ich Jugendamtsberichte unserer Neuzugänge erstmal ungelesen zur Seite gelegt. Nur wenn es Schwierigkeiten gab, habe ich hineingeschaut und war manchmal erschrocken, was die Jungs schon alles angestellt hatten. Hätte ich das vorher gewusst, hätte mich das blockiert.

Natürlich musste ich auch lernen, dass Scheitern zu dieser Arbeit dazugehört. So gab es zum Beispiel Drogenabhängige, die kurz vor der Prüfung alles hingeschmissen haben. Oder Jugendliche, die immer wieder mit ihrem Verhalten angeeckt sind. Ich habe mir dann bewusst gesagt: Gott liebt diesen Menschen genauso wie alle anderen. Deshalb möchte auch ich ihn so akzeptieren, wie er ist. Mein Glaube hat mir geholfen, hinzunehmen, wenn etwas nicht funktionierte und mir klarzumachen, dass ich nicht alles in der Hand habe. 

Spiritualität spielt eine große Rolle, wenn man Salesianer werden will. Das gilt übrigens meiner Meinung nach für jedes Leben, nicht nur im Orden. Ich empfinde meine Berufung als Geschenk, ich habe sie mir nicht ausgesucht. Ich bin dankbar, denn sie hat meinem Leben Sinn gegeben. Aber man muss auch wissen, dass Berufung Pflege braucht, wie eine Pflanze, die ich gießen und düngen muss. Das gilt eigentlich für jede Art von Berufung, egal ob ich Familienvater bin, Kamin- oder Straßenkehrer. Wer sich für das Ordensleben entscheidet und seine Berufung vernachlässigt, der geht unter.

Glauben leben, mit Gelübden kämpfen

Genau deshalb muss man als Salesianer auch seinen Glauben leben. In der Gemeinschaft, beim Morgengebet, im Gespräch mit Mitbrüdern. Ich hatte einen guten Freund, mit dem ich gerne Wandern gegangen bin. Wir haben viel über Religion und unser Leben geredet und uns gegenseitig aufgebaut. Es ist wichtig, dass der eine den anderen stützt. Auch ich hatte Zeiten, in denen ich den Gottesdienst geschwänzt und mit meinen Gelübden gekämpft habe. Das ist ganz normal in einem langen Ordensleben. 

Wir leben ehelos, um frei für unsere Aufgabe zu sein. Aber wer von sich sagt, dass er in all den Jahren niemals in Bedrängnis gekommen ist, der lügt. Wir kommen alle aus unterschiedlichen Welten, sind sehr verschieden. Natürlich kann man auch nicht mit jedem gleich gut. Aber wie hat ein Mitbruder immer gesagt: Wir sind ein toller Haufen! Wir wollen eine lebendige Gemeinschaft sein, nicht frömmelnd, aber authentisch in unserem Glauben. Die Sorge um die Jugend ist die Schnittmenge, unser Ziel, das uns antreibt.

Bruder Sepp Schwaller trainiert Einradfahrerin

In der heutigen Welt, die so schnelllebig und scheinbar von Gott abgewandt ist, muss es Gemeinschaften geben, die für alle beten, die keinen spirituellen Halt mehr finden. Es ist nicht mehr einfach, Jugendliche an den Glauben heranzuführen. Mit einem Tischgebet geht das sicher nicht. Aber auf Klettertouren, habe ich oft mit ihnen darüber gesprochen, dass Gott all die Felsen, das Moos, die gesamte Schöpfung gemacht hat. Wenn wir dann ein freies Gebet gesprochen haben, kam das eher an. Ein Jugendlicher hat mir später mal geschrieben, dass ihn das sehr bewegt hat.

Bis heute verbringe ich gerne Zeit mit jungen Leuten. Spiele abends Billard mit ihnen und kann dabei die Zeit vergessen. Ich bin dankbar, dass ich noch so fit bin, keine Schmerzmittel brauche, regelmäßig Einrad fahren kann. Das mache ich seit über vierzig Jahren. Einmal in der Woche biete ich offene Kurse für Kinder und Erwachsene an. Wir haben immer viel Spaß und ich freue mich über den Kontakt. Für die kommenden Jahre wünsche ich mir, dass ich noch lange bei der Jugend bleiben kann, und dass ich es annehmen kann, wenn es nicht mehr geht.