Im Gespräch über Politik, Zukunft und gesellschaftliche Teilhabe
Ein Besuch im Deutschen Bundestag hatte den Jugendlichen der Wohngruppe LIFE Mitte August die Gelegenheit gegeben, Politik dort kennenzulernen, wo viele politische Entscheidungen getroffen werden. Nun wurde dieser Austausch in München fortgesetzt: Die Bundestagsabgeordnete Nicole Gohlke (Partei Die Linke) besuchte die Wohngruppe und kam bei einem gemeinsamen Frühstück mit den Jugendlichen und ihren Betreuenden ins Gespräch.
Der vorausgegangene Aufenthalt in Berlin fand im Rahmen eines sogenannten Informationsbesuchs auf Einladung von ihr statt. Über dieses Angebot können Abgeordnete Besuchergruppen zu einem geförderten Besuch des Deutschen Bundestages einladen. Zum Programm gehören Informationen über die Aufgaben, die Arbeitsweise und die Zusammensetzung des Parlaments sowie die Möglichkeit zum persönlichen Austausch.
Politik verständlich und unmittelbar erleben
Die Jugendlichen und Betreuenden blickten im Gespräch noch einmal auf ihren Aufenthalt in Berlin zurück. Besonders positiv erinnerten sie sich an die Führung durch den Bundestag und die anschaulichen Einblicke in den parlamentarischen Alltag. Neben grundsätzlichen Informationen über das politische System konnten sie auch viele praktische Dinge darüber erfahren, wie der Bundestag arbeitet und wie politische Entscheidungen entstehen.
Für die Jugendlichen war dies eine Möglichkeit, politische Strukturen nicht nur aus dem Schulunterricht oder den Medien kennenzulernen, sondern unmittelbar vor Ort zu erleben. Gerade für junge Menschen, die noch nicht lange in Deutschland leben, können solche Erfahrungen dabei helfen, staatliche und demokratische Strukturen besser zu verstehen.
Beim Gegenbesuch in der Wohngruppe in München stand deshalb vor allem der persönliche Dialog im Mittelpunkt. Die Jugendlichen nutzten die Gelegenheit, zahlreiche Fragen zu stellen und Themen anzusprechen, die sie aktuell beschäftigen.
Fragen zur eigenen Zukunft
Ein Schwerpunkt des Gesprächs waren die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland. Viele Bewohner der Wohngruppe haben eine Migrations- oder Fluchtgeschichte. Entsprechend kamen auch Fragen zu Migration, Aufenthalt und zu möglichen politischen Veränderungen nach künftigen Wahlen auf.
Dabei äußerten einige Jugendliche insbesondere Sorgen darüber, welche Folgen eine Regierungsbeteiligung der AfD für ihre persönliche Zukunft haben könnte. Nicole Gohlke nahm diese Bedenken auf und sprach mit ihnen über politische Entscheidungsprozesse und die rechtsstaatlichen Strukturen in Deutschland. Dabei wurde auch deutlich, dass politische Mehrheiten nicht außerhalb bestehender gesetzlicher und verfassungsrechtlicher Grenzen handeln können. Gesetze unterliegen dem Grundgesetz und können unter bestimmten Voraussetzungen gerichtlich, bis hin zum Bundesverfassungsgericht, überprüft werden.
Zugleich wurde im Gespräch deutlich, dass politische Entwicklungen Unsicherheiten auslösen können – gerade bei jungen Menschen, deren eigene Lebensperspektive eng mit Fragen von Aufenthalt, Ausbildung und gesellschaftlicher Teilhabe verbunden ist.
Veränderungen in der Kinder- und Jugendhilfe
Auch die Betreuenden brachten Themen aus ihrer täglichen Arbeit ein. Im Mittelpunkt standen dabei die derzeit diskutierten Veränderungen des Achten Sozialgesetzbuches (SGB VIII), das zentrale Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe regelt.
Die Bundesregierung hat im August 2026 einen Entwurf für ein Erstes Gesetz zur Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe beschlossen. Ein wesentlicher Bestandteil ist die Weiterentwicklung hin zu einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere mit Blick auf junge Menschen mit Behinderungen. Zugleich sind Veränderungen bei der Ausgestaltung und dem Verhältnis verschiedener Unterstützungsangebote vorgesehen. Der Entwurf befindet sich im parlamentarischen Verfahren.
In der Fachwelt werden Teile der geplanten Reform intensiv diskutiert. Dabei geht es unter anderem um die Frage, welchen Stellenwert künftig niedrigschwellige Regel- und Infrastrukturangebote sowie Angebote der Jugendsozialarbeit gegenüber individuell gewährten Hilfen haben sollen. Fachverbände weisen darauf hin, dass sich daraus insbesondere für Jugendliche und junge Volljährige Veränderungen beim Zugang zu bestimmten Unterstützungsformen ergeben könnten.
Gerade die Unterstützung junger Volljähriger ist für die Wohngruppe ein wichtiges Thema. Nach geltendem Recht sollen junge Menschen auch nach ihrem 18. Geburtstag Hilfen nach § 41 SGB VIII erhalten, wenn sie für eine selbstbestimmte, eigenverantwortliche und selbstständige Lebensführung weiterhin Unterstützung benötigen. In der Regel werden diese Hilfen bis zum 21. Lebensjahr gewährt.
Für einige Jugendliche der Wohngruppe sind solche Fragen sehr konkret. Sie stehen vor ihrem Schulabschluss, suchen einen Ausbildungsplatz oder beschäftigen sich bereits damit, wie ihr Leben nach der Schule und nach dem Übergang in die Volljährigkeit aussehen kann. Veränderungen in den gesetzlichen Rahmenbedingungen werden deshalb aufmerksam verfolgt und führen mitunter auch zu Unsicherheiten.
Raum für Fragen und unterschiedliche Perspektiven
Nicole Gohlke hörte sich die Fragen, Sorgen und Erfahrungen der Jugendlichen und Betreuenden ausführlich an. Nicht auf jede Frage konnte es dabei eine abschließende Antwort geben – schließlich befinden sich verschiedene politische Vorhaben noch in Beratung. Auch die Möglichkeiten von Oppositionsfraktionen, eigene Anträge und Änderungsanträge in parlamentarische Verfahren einzubringen, waren Thema des Gesprächs.
Gerade darin lag der Wert der Begegnung: Politik wurde nicht abstrakt diskutiert, sondern anhand der Fragen, die junge Menschen in ihrem Alltag tatsächlich beschäftigen.
Der Besuch knüpfte damit an die Erfahrungen aus Berlin an. Für die Jugendlichen bot sich erneut die Gelegenheit, politische Prozesse besser zu verstehen, Fragen unmittelbar an eine Bundestagsabgeordnete zu richten und ihre eigenen Perspektiven einzubringen. Gleichzeitig erhielten auch die Betreuenden Raum, Entwicklungen aus der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe anzusprechen.
So entstand ein offener Austausch über politische Bildung, gesellschaftliche Teilhabe und die Frage, welche Rahmenbedingungen junge Menschen für einen guten Start in ein selbstständiges Leben benötigen.
ÖA / jl
